Wenn etwas anders kommt, als wir es erwartet oder erhofft haben, kann uns das enttäuschen. Wie wir mit solchen Situationen umgehen, ist maßgeblich dafür, wie sehr wir unter ihnen leiden.
Achtsam mit Enttäuschung umzugehen bedeutet, die eigene Bewertung, die dahinterliegende Erwartung und die damit verbundenen Gefühle wahrzunehmen – ohne automatisch zu reagieren oder Unangenehmes wegzudrücken. Und uns selbst dabei freundlich und mitfühlend zu begegnen.
Eine Reflexion aus unserem Basis-Achtsamkeitstraining gibt dir einen echten Einblick, wie das in der Praxis aussieht. Heide M. erlebte an ihrem eigenen Geburtstag, wie schnell alte Reaktionsmuster zuschlagen können – und was geschieht, wenn wir sie bemerken.
An einen Geburtstag knüpfen wir häufig besondere Wünsche. Wir haben eine Vorstellung davon, wie dieser Tag werden soll, freuen uns auf bestimmte Menschen oder gemeinsame Erlebnisse.
Wenn etwas davon nicht eintritt, erleben wir nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch die Enttäuschung darüber, dass unsere Vorstellung und die Wirklichkeit nicht zusammenpassen.
Heide M. beschrieb einen solchen Moment in einer ihrer schriftlichen Reflexionen unseres Basis-Achtsamkeitstrainings folgendermaßen:
„An einem für mich besonderen Tag erlebte ich durch äußere, nicht vorhersehbare Umstände eine Enttäuschung, die das Potential hatte, den ganzen Tag zu verderben.“
Ihre erste Reaktion auf die äußeren Umstände nahm sie vor allem körperlich wahr:
„Ich spürte zu Beginn eine leichte Anspannung im Solarplexus, konnte dem Moment jedoch mit Ruhe begegnen. Meine Atmung holperte, es wurde einen Moment still in mir, dann konnte ich durchatmen, inneren Abstand gewinnen, Gelassenheit in mir aufspüren.“
Das äußere Ereignis veränderte sich durch ihre achtsame Beobachtung nicht – wohl aber ihr Umgang damit.
Sie spürte die Anspannung, bemerkte ihren Atem und nahm wahr, was gerade in ihr geschah. So konnte zwischen ihrem Erleben und ihrer Reaktion ein wenig Raum entstehen.
Wie Erwartung und Enttäuschung zusammenhängen
Wenn die Realität nicht zu unseren Erwartungen passt, sind wir enttäuscht. Denn wir reagieren nicht nur auf das, was tatsächlich geschehen ist, sondern auch auf das, was wir uns gewünscht oder erhofft hatten.
Unsere Gedanken können die Enttäuschung weiter verstärken. Wir ärgern uns, hadern mit dem, was passiert ist, oder wünschen uns die Situation anders. Auch unser Körper reagiert.
Eine achtsame Geisteshaltung ermöglicht uns, all das wahrzunehmen: die Enttäuschung, unsere Gedanken darüber, die körperliche Reaktion – und auch die Erwartungshaltung, die dahintersteckt.
Bei Heide führte dieser innere Abstand zunächst zu einer ganz konkreten Veränderung:
„Dramatisierende Gedanken konnte ich in lösungsorientierte Kreativität wandeln. Es gelang mir eine Lösung zu entwerfen, in der sich ein Teil des Tagesplanes trotzdem umsetzen ließ, obwohl das hinderliche Problem weiter bestand. Wir setzten diese Idee um. Ich empfand Zufriedenheit mit meinem Umgang.“
Im weiteren Verlauf ihres Geburtstags wurde die Situation schwieriger. Mit zunehmender Erschöpfung meldete sich ein vertrautes Reaktionsmuster:
„Im Folgenden entwickelte sich die Ausgangssituation weiter: Äußere Umstände verkomplizierten die Lage, und meine innere Situation wurde instabiler. Ich wurde ungeduldig, spürte unerfüllte Erwartungen und Enttäuschung und auch eine körperliche Erschöpfung. Ich spürte, wie trotz des Bewußtseins ein altes Muster seinen Weg in mir grub: im Außen Ausgleich suchen und Spannungsabbau durch Ironisieren und Meckern, auch auf Kosten anderer.“
Das Bemerkenswerte daran: Heide erkannte ihr altes Muster, während es gerade ablief.
Wenn alte Muster ihre Macht verlieren
Wenn wir achtsam sind, bedeutet das nicht, dass alte Muster und vertraute Reaktionen nicht mehr auftauchen.
Entscheidend ist, was Heide als Nächstes gelang: Sie blieb nicht in ihrem alten Muster gefangen.
Sie nahm wahr, wie sie versuchte, ihre innere Spannung im Außen abzubauen. Sie hielt inne, atmete – und fand wieder aus diesem „alten Modus“ heraus.
„Es blieb Zeit zum Durchatmen, bis die geübte, mütterliche Autopilotin begann, ihre guten Seiten zu leben: Ich fand eine die Konstellation nährend verändernde Möglichkeit (es gab etwas zu essen!), die zugleich einen wohltuend entspannenden, leicht distanzierten inneren und äußeren Rahmen setzte. Ich konnte mich körperlich entspannen und einige Male mehr durchatmen. Ich konnte den ‚alten Modus‘ verlassen.“
Das ist eine lehrbuchreife Beschreibung der inneren Befreiung aus alten Mustern.
Wenn unsere Achtsamkeitspraxis an Tiefe gewinnt, erkennen wir unsere automatischen Reaktionen früher. Dadurch verlieren sie nach und nach die Selbstverständlichkeit, mit der sie unser Denken und Handeln bestimmen. Wir sind unseren alten geistigen Gewohnheiten nicht mehr vollständig ausgeliefert.
Zur Entwicklung innerer Freiheit gehört, dass alte Muster zuweilen noch auftauchen können, aber keine Macht mehr über uns haben.
Die Enttäuschung darf trotzdem da sein
Dass Heide den „alten Modus“ verlassen konnte, bedeutete nicht, dass damit auch alle unangenehmen Gefühle verschwunden waren.
Mit der körperlichen Entspannung wurde etwas anderes spürbar:
„Mit der Entspannung wurde mir auch eine Traurigkeit bewußt, die ich gut akzeptieren konnte. Der tröstende Gedanke an den kommenden Tag kam: ich würde andere wesentliche Bedürfnisse befriedigen können, z. B. Ruhe pflegen, Integrationszeit und das Schreiben dieser Reflexion.“
Auch das gehört zu einem achtsamen Umgang mit Enttäuschung
Es geht nicht darum, möglichst schnell wieder gut gelaunt zu sein. Heide konnte ihrer Traurigkeit Raum geben, ohne sich von ihr bestimmen zu lassen. Gleichzeitig nahm sie wahr, was sie jetzt brauchte: Ruhe, Zeit für Integration und Reflexion.
Am Ende veränderte sich auch die äußere Situation:
„Die äußeren Umstände wandelten sich zu unseren Gunsten und mit Erleichterung konnte ich den Tag am Ende mit der Erfüllung des letzten Vorhabens beschließen.“
Was sich durch Achtsamkeitspraxis verändert
„Ich bin dem begegnet, was mich zur TARA-Achtsamkeitstrainer-Ausbildung geführt hat. Es war mir möglich, achtsam zu reagieren. Ich darf weiter Geduld und Vertrauen üben, den Anspruch an mich selbst sanft korrigieren und weiter üben.“
Achtsamkeit wird damit nicht zum neuen Anspruch oder zur Selbstoptimierungsmethode. Sie ermöglicht uns, immer deutlicher zu erkennen, was in uns geschieht, zunehmend freier damit umzugehen und wahrzunehmen, was zu unserem Glücklichsein beiträgt – und was nicht. Auch dann, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir es uns wünschen.
Weil Wissen allein noch nichts verändert
Wie spannend es sein kann, das eigene Erleben zu beobachten: körperliche Empfindungen wahrzunehmen, Gedanken und Gefühle zu bemerken und anzuerkennen – und mitzuerleben, wie alte Gewohnheiten durchschlagen, obwohl wir längst wissen, dass sie uns nicht guttun und wie wir eigentlich lieber reagieren würden.
Dieses Wissen allein verändert ein vertrautes Muster noch nicht. Entscheidend ist, dass wir erkennen, wenn es sich immer wieder seinen Weg bahnt. Mit zunehmender Übung gelingt uns das leichter. Wir geraten vielleicht noch hinein – aber wir können auch wieder herausfinden. Und mit der Zeit verlieren alte Gewohnheiten die Macht, unser Denken und Handeln automatisch zu bestimmen.
Für Menschen, die später selbst Achtsamkeit lehren möchten, ist diese eigene Erfahrung wesentlich – sie gehört zu den Kriterien, an denen du eine seriöse Achtsamkeitstrainer-Ausbildung erkennst. Sie schult die Fähigkeit, auch andere in ihren Achtsamkeitsprozessen wahrzunehmen und zu begleiten.
Die Kompetenz, einfühlsam und professionell zu begleiten, wächst aus der eigenen Praxis und aus der Bereitschaft, die eigenen Muster immer wieder zu erforschen.
Deshalb stehen in unserer TARA-Achtsamkeitstrainer-Ausbildung zunächst neun Monate eigene Achtsamkeitspraxis, Selbstreflexion und persönliche Entwicklung im Mittelpunkt.
Heides Reflexion zeigt, was durch achtsame Geistesschulung möglich wird: nicht die Freiheit von schwierigen Erfahrungen – sondern mehr innere Freiheit im Umgang mit ihnen.
Was das für dich bedeuten kann
Vielleicht kennst du ähnliche Momente: ein Tag, der eigentlich schön werden sollte und dann ganz anders läuft. Die nächste Enttäuschung kommt bestimmt – bei dir genauso wie bei mir.
Liebe Heide, danke für deine Offenheit und dafür, dass wir deine persönliche Reflexion in pseudonymisierter Form teilen dürfen. Du ermöglichst damit anderen einen Einblick in die Entwicklungsprozesse während unserer Ausbildung, die für Außenstehende sonst verborgen bleiben.


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