In Freundschaften und Beziehungen möchten wir uns gesehen fühlen. Wir möchten erleben, dass sich ein anderer für uns interessiert, uns versteht und dass das, was uns bewegt, bei ihm ankommt. Bleibt dieses Gefühl aus, kann uns das enttäuschen oder verletzen. Besonders dann, wenn aus dem Verhalten eines anderen der Gedanke entsteht: „Ich bin dir nicht wichtig.“
Achtsamkeit in Beziehungen bedeutet, zwischen dem tatsächlichen Verhalten des anderen und der eigenen Bewertung dieses Verhaltens zu unterscheiden – statt aus einer Beobachtung automatisch zu schließen, nicht gesehen oder nicht wichtig zu sein.
Was ist tatsächlich geschehen? Wie bewerte ich die Situation, das Verhalten anderer, mich selbst? Welche Erwartungen habe ich an mich und an andere? Und welche Bedeutung gebe ich dem Verhalten des anderen?
Mit solchen Fragen beschäftigen sich unsere Teilnehmenden auch im Basis-Achtsamkeitstraining. In einer Wochenaufgabe zur Reflexion stressverschärfender Denkweisen wählen unsere Teilnehmenden eine aktuelle oder typische belastende Stresssituation aus ihrem Alltag und reflektieren ihr persönliches Stressverhalten schriftlich. Mithilfe der kognitiven Umstrukturierung untersuchen sie, welche Gedanken und Bewertungen in der Situation auftauchen und welchen Einfluss diese auf ihr Erleben haben.
Dabei geht es nicht darum, schwierige Erfahrungen schönzureden oder Unangenehmes wegzudrücken. Es geht darum, das eigene Erleben zu beobachten und neue Sichtweisen zu entwickeln.
Christian Effenberger hat sich für diese Selbsterforschung mit einer Situation aus einer langjährigen Golfgruppe beschäftigt. Seine Reflexion zeigt, wie eng unsere Erwartungen an Beziehungen, unsere Bewertungen und unser Stresserleben miteinander verbunden sein können.
„Bei meiner Selbsterforschung zur kognitiven Umstrukturierung habe ich mich mit einer Stresssituation innerhalb einer langjährigen Golfgruppe beschäftigt. Wir sind zu viert, verbringen regelmäßig Zeit miteinander und unternehmen auch einmal im Jahr eine gemeinsame Golfreise. Deshalb hatte ich diese Beziehungen bisher durchaus mit dem Begriff Freundschaft verbunden. Bei der Analyse ist mir aufgefallen, dass mein Stress weniger durch einzelne Situationen entsteht, sondern durch ein dahinterliegendes Muster: Ich habe relativ schnell das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Das zeigt sich beispielsweise, wenn ich Themen in die Gruppe einbringe, die mir persönlich wichtig sind, und darauf wenig Resonanz bekomme. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass Themen anderer Gruppenmitglieder ausführlicher aufgegriffen und diskutiert werden. Meine automatische Bewertung lautet dann schnell: ‚Was mich beschäftigt, interessiert die anderen nicht wirklich.‘ Daraus entsteht bei mir Enttäuschung und teilweise auch Ärger.
Bei der weiteren Selbstreflexion habe ich erkannt, dass hinter dieser Reaktion ein starkes Bedürfnis nach Interesse, Resonanz und Gegenseitigkeit steht. Wenn ich mich für die Themen und persönlichen Angelegenheiten anderer interessiere, erwarte ich unbewusst ein ähnliches Interesse an den Dingen, die mich beschäftigen. Dabei sind auch ältere Verletzungen wieder in mein Bewusstsein gekommen. In einer für mich schwierigen persönlichen Lebensphase hätte ich mir von dieser Gruppe mehr Sensibilität, Loyalität und Unterstützung gewünscht. Einige damalige Verhaltensweisen haben mich tatsächlich verletzt und wirken offenbar bis heute nach. Diese Erfahrungen möchte ich durch die kognitive Umstrukturierung nicht nachträglich schönreden oder für unbedeutend erklären.
Meine wesentliche Erkenntnis besteht vielmehr darin, zwischen dem tatsächlichen Verhalten anderer und meiner Bewertung dieses Verhaltens zu unterscheiden.
Wenn jemand einen von mir empfohlenen Beitrag nicht ansieht oder auf eine Erzählung von mir wenig eingeht, ist das zunächst eine Beobachtung. Daraus entsteht bei mir jedoch schnell die weitergehende Bewertung: ‚Ich werde nicht gesehen‘ oder sogar ‚Ich bin dem anderen nicht wichtig.‘ Genau diese gedankliche Erweiterung verstärkt meinen Stress. Ich habe dabei auch erkannt, dass aus einem berechtigten Wunsch nach Interesse und Gegenseitigkeit bei mir manchmal eine unausgesprochene Erwartung wird: ‚Wenn wir gute Freunde sind und ich mich für deine Welt interessiere, solltest du dich auch für meine interessieren.‘ Diese Erwartung möchte ich zukünftig stärker wahrnehmen und hinterfragen.
Meine neue, für mich stimmigere Sichtweise lautet:
Ich wünsche mir in Freundschaften Interesse, Resonanz und Gegenseitigkeit. Andere Menschen müssen Freundschaft aber nicht genauso definieren oder ausdrücken wie ich. Wenn ich von bestimmten Menschen weniger Resonanz bekomme, als ich mir wünsche, darf mich das enttäuschen. Ich muss daraus aber nicht automatisch schließen, dass ich als Mensch nicht gesehen oder nicht wertgeschätzt werde. Gleichzeitig darf ich erkennen und akzeptieren, welche Form und Tiefe eine bestimmte Freundschaft tatsächlich hat.
Besonders wichtig war für mich die Verbindung zur Achtsamkeit. Ich möchte zukünftig früher bemerken, wenn der Gedanke ‚Ich werde nicht gesehen‘ auftaucht. Statt unmittelbar aus diesem Gedanken heraus zu reagieren, möchte ich zunächst wahrnehmen: ‚Da ist wieder dieses mir bekannte Gefühl.‘ Dann kann ich prüfen, was tatsächlich geschehen ist, welche Bedeutung ich selbst hinzufüge und wie ich bewusst damit umgehen möchte.Mein Erkenntnisgewinn aus dieser Übung ist deshalb nicht, dass meine bisherigen Wahrnehmungen ‚falsch‘ waren. Ich habe vielmehr verstanden, warum bestimmte Situationen bei mir einen so starken Stress auslösen und welchen Anteil meine eigenen Erwartungen und Bewertungen daran haben. Ich kann mir Resonanz und Nähe wünschen und diese Bedürfnisse auch äußern. Gleichzeitig kann ich lernen, meine eigene innere Stabilität weniger davon abhängig zu machen, ob andere Menschen mir genau die Resonanz geben, die ich mir in diesem Moment wünsche.“
Was Achtsamkeit mit der Qualität unserer Beziehungen zu tun hat
Was wir brauchen, um in Beziehungen Verbundenheit zu fühlen?
Die Beziehung zu anderen beginnt bei uns selbst
Wie Achtsamkeit Beziehungen verändern kann
Achtsamkeit verändert Beziehungen nicht dadurch, dass Konflikte, Enttäuschungen oder unterschiedliche Bedürfnisse verschwinden. Sie verändert, wie wir ihnen begegnen.
Diese Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung ist eine wichtige Grundlage für Beziehungsqualität. Sie hilft uns, eigene Bedürfnisse ernst zu nehmen. Und sie hilft uns, die Perspektive des anderen nicht vorschnell mit unserer eigenen Interpretation zu verwechseln – und bewusster zu entscheiden, wie wir in Beziehung treten möchten.
Achtsamkeit gibt nicht vor, welche Reaktion richtig ist. Sie kann uns helfen, klarer zu erkennen, aus welchem inneren Erleben heraus wir handeln.
Achtsamkeit kann Beziehungen verändern, weil wir nicht nur unser Gegenüber klarer wahrnehmen, sondern auch uns selbst in der Beziehung.
Warum diese Selbsterfahrung Teil unserer Ausbildung ist
In unserer TARA-Achtsamkeitstrainer-Ausbildung beginnt die Entwicklung professioneller Kompetenz mit der eigenen Erfahrung.
Im neunmonatigen Basis-Achtsamkeitstraining beschäftigen sich die Teilnehmenden intensiv mit ihrer Achtsamkeitspraxis und ihrem eigenen Erleben. Dazu gehört auch, das persönliche Stressverhalten an konkreten Situationen aus dem eigenen Leben zu erforschen.
Für Menschen, die selbst Achtsamkeit lehren möchten, ist diese Selbsterfahrung wesentlich. Wer später andere Menschen in ihren Achtsamkeitsprozessen begleiten möchte, braucht neben fachlichem Wissen die Bereitschaft, die eigenen Bewertungen, Erwartungen und Reaktionsweisen immer wieder wahrzunehmen und zu reflektieren.
Was das für dich bedeuten kann
Kennst du Situationen, in denen du dich von einem Menschen nicht gesehen oder nicht verstanden fühlst?
Dann können andere Fragen interessant werden als die, die wir uns im ersten Moment stellen:
Wann fühle ich mich in einer Beziehung wirklich gesehen?
Was brauche ich, damit ich mich einem Menschen verbunden fühle?
Und wie sehr mache ich meinen eigenen Wert davon abhängig, wie dieser Mensch auf mich reagiert?
Lieber Christian, danke, dass du uns erlaubt hast, diese sehr persönliche Reflexion zu teilen. Sich mit den eigenen Erwartungen, Verletzungen und vertrauten Bewertungen so offen auseinanderzusetzen, braucht Mut. Dass wir deine Gedanken hier veröffentlichen dürfen, macht sichtbar, wie viel Tiefe in achtsamer Selbsterforschung liegen kann.


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