Was lernt man in einer Achtsamkeitstrainer-Ausbildung?

von | 7. August 2026 | Einblicke

Ingrid Berger
In einer guten Achtsamkeitstrainer-Ausbildung lernst du weit mehr als Meditationstechniken: Durch intensive Selbsterfahrung, eine eigene stabile Achtsamkeitspraxis und angeleitete Lehrübungen entwickelst du die Fähigkeit, Achtsamkeit authentisch und verantwortungsvoll weiterzugeben. Der Körper spielt dabei eine zentrale Rolle – denn er eröffnet einen unmittelbaren Zugang zum gegenwärtigen Moment und macht innere Prozesse erfahrbar.

Die Skisaison 2014 veränderte die Beziehung zu meinem Körper grundlegend – auch wenn ich das damals noch nicht ahnte.

Damals riss ich mir beim Skifahren Innenband und Kreuzband im rechten Knie. Zu dieser Zeit arbeitete ich nicht nur als Diplom-Biologin in der klinischen Forschung. Etwa die Hälfte meines Einkommens verdiente ich als Fitness- und Personaltrainerin. Mein Berufsalltag bestand aus Bewegung – und plötzlich funktionierte mein Körper nicht mehr so, wie ich es gewohnt war. Das war für mich zunächst eine absolute Katastrophe.

Etwa ein halbes Jahr nach meinem Sturz konnte ich zwar wieder gut gehen, doch eine Treppe hinunterzusteigen war noch immer eine Herausforderung. Ich setzte zuerst den linken Fuß auf die nächste Stufe und zog den rechten vorsichtig hinterher.

Damals war ich selbst Teilnehmende der TARA Achtsamkeitstrainer-Ausbildung. Während einer Ausbildungswoche auf unserem Seminarhof Hof Oberlethe praktizierten wir täglich Gehmeditation. Ich entschied mich ganz bewusst für ein sehr langsames Tempo.

Ich wollte, dass mein Knie endlich wieder so funktionierte wie früher.

Die Übung in Langsamkeit und Akzeptanz gab meinem Knie die Möglichkeit, seinen natürlichen Bewegungsablauf wiederzufinden.

Dabei wurde mir etwas bewusst: Nicht mein Knie war das größte Hindernis. Es war meine Ungeduld. Der Gedanke, mein Knie müsste doch längst wieder besser sein.

Als ich aufhörte, diesen Gedanken zu füttern – dass mein Knie wieder funktionieren müsste wie früher –, veränderte sich etwas. Nicht nur in meinem Denken, sondern auch in meiner Wahrnehmung und im Umgang mit meinem Körper. Ich lernte, ihm mit Geduld, Vertrauen und Freundlichkeit zu begegnen – und ihn mit seinen Möglichkeiten und Grenzen anzunehmen, statt ihn ständig mit meinen Erwartungen zu vergleichen.

Sieben Jahre später, als ich mir beim Tennis einen Kapselriss in der rechten Schulter zuzog, wurde mir noch einmal bewusst, wie sehr meine kontinuierliche Achtsamkeitspraxis mein körperliches Erleben verändert hatte.

Bei einem Termin erzählte ich meinem Physiotherapeuten, dass ich in der folgenden Woche nicht kommen könne, weil ich als Dozentin in der TARA-Achtsamkeitstrainer-Ausbildung unterrichte.

Er schwieg kurz, schaute mich an und sagte:
„Ah, jetzt wird mir einiges klar. Jetzt weiß ich, warum ich mit dir so schnell zum Ziel komme.“

Ich fragte ihn, wie er das meinte.

Ihm war aufgefallen, dass ich meine „Beschwerden“ außergewöhnlich genau beschreiben konnte. Ich konnte nicht nur sagen, an welcher Stelle der Schmerz saß oder ob ich ihn eher in der Muskulatur oder in der Sehne wahrnahm. Ich konnte auch beschreiben, welche Qualität der Schmerz hatte, wann er stärker oder schwächer wurde und wie er sich bei unterschiedlichen Bewegungen verhielt. Und ich konnte lokalisieren, wohin er ausstrahlte: von der Schulter in den Oberarm, von der Vorderseite des Schultergelenks nach hinten unter das Schulterblatt, oder bis in den Nacken.

Natürlich half mir bei der Beschreibung meiner körperlichen Empfindungen mein anatomisches Wissen als Fitness- und Personaltrainerin. Mindestens genauso wichtig war jedoch die Fähigkeit, meinen Körper aufmerksam wahrzunehmen und seine Signale einzuordnen.

Verköperte Erfahrung

Achtsamkeit ist weit mehr als reines Mentaltraining. Sie ist eine zutiefst sinnliche und körperliche Erfahrung.

Während unsere Gedanken häufig zwischen Vergangenheit und Zukunft hin- und herspringen, kennt der Körper nur einen Ort und eine Zeit: Hier und Jetzt. Immer dann, wenn wir unsere Aufmerksamkeit bewusst auf unsere Körperempfindungen richten, finden wir einen unmittelbaren Zugang zum gegenwärtigen Moment. So entwickelt sich nach und nach die Fähigkeit, den eigenen Körper immer besser als Stressdetektor, als Instrument des eigenen Wohlbefindens und als wertvollen Verbündeten wahrzunehmen.

Diese Fähigkeit zur differenzierten Selbstwahrnehmung schulen wir kontinuierlich in der Ausbildung. Wir lernen, wieder mit allen Sinnen im gegenwärtigen Moment zu sein und den Körper zu bewohnen, statt ihn nur zu benutzen. Dabei richten wir unsere Aufmerksamkeit bewusst auf unser inneres Erleben. Wir lernen zu erkennen, was eine Körperempfindung ist, was eine Emotion und ob – und wenn ja welche – Gedanken durch diese Körperempfindung oder Emotion hervorgebracht werden. Gleichzeitig erfahren wir, wie eng Körperempfindungen, Emotionen und Gedanken miteinander verbunden sind und wie sie sich gegenseitig beeinflussen.

Wer diese Zusammenhänge nie für sich selbst erfahren hat, kann sie später kaum authentisch vermitteln. Menschen merken erstaunlich schnell, ob jemand aus eigener Erfahrung spricht oder lediglich eine Methode anleitet.

Achtsames Wahrnehmen mit allen Sinnen – Riechen an gelben Blüten

Wie wir mit dem Körper arbeiten

In unserer Ausbildung praktizieren wir regelmäßig den Bodyscan und die Mindful Moves. Bei beiden Übungen ist der Körper das Übungsobjekt. Sie schulen jedoch unterschiedliche geistige Qualitäten. Beide gehören zu insgesamt vier formalen Achtsamkeitsübungen, neben der Sitzmeditation und der Gehmeditation. Formal bedeutet, dass wir uns bewusst Zeit für eine Übung nehmen und ihr einen klaren Rahmen geben – im Unterschied zur informellen Achtsamkeitspraxis, die wir Schritt für Schritt in unseren Alltag integrieren. Im Laufe der Ausbildung üben unsere Teilnehmenden regelmäßig alle vier formalen Achtsamkeitsmeditationen und reflektieren ihr inneres Erleben während dieser Übungen sowohl schriftlich als auch mündlich, bevor sie lernen, sie selbst anzuleiten.

Der Bodyscan ist eine gedankliche Reise durch den Körper: Wir richten unsere Aufmerksamkeit Schritt für Schritt auf verschiedene Körperregionen. Dadurch schulen wir die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit bewusst zu lenken, statt dem Zufall zu überlassen, worauf sie sich richtet. So entsteht die Grundlage für eine stabile Konzentrationsfähigkeit und für komplexere innere Erforschungen – etwa den Zusammenhang zwischen Körperempfindungen, Emotionen und Gedanken immer klarer zu erkennen.

Beim Bodyscan geht es nicht darum, angenehme Körperempfindungen wahrzunehmen oder unangenehme loszuwerden. Vielmehr lernen wir, auch unangenehmen Empfindungen mit Offenheit zu begegnen und sie zunächst einfach wahrzunehmen, ohne sie sofort verändern zu wollen. Sonst wird Achtsamkeit ungewollt zur nächsten Leistung, die wir erbringen müssen.

Mindful Moves sind Achtsamkeit in Bewegung. Nicht die Form oder die korrekte Ausführung einer Bewegung steht im Mittelpunkt, sondern die Qualität der Aufmerksamkeit, mit der sie ausgeführt wird.

Während der Übungen erforschen wir mit einer freundlichen und neugierigen Haltung, was geschieht, wenn wir an unsere Grenzen kommen. Werden wir ungeduldig? Ehrgeizig? Frustriert? Oder gelingt es uns, gut für uns zu sorgen und gleichzeitig offen für die Erfahrung zu bleiben?

Körperliche Beweglichkeit oder Kraft können sich dabei durchaus verbessern – sie sind jedoch nicht das eigentliche Ziel. Im Kern geht es darum, den eigenen Körper mit all seinen Möglichkeiten und Einschränkungen anzunehmen und ihm mit Respekt und Wohlwollen zu begegnen. Denn wie wir während der Übungen mit unseren Grenzen umgehen, spiegelt häufig wider, wie wir auch im Alltag mit Belastungen, Erwartungen und Herausforderungen umgehen.

Die Wahrnehmung für Körperempfindungen wird mit regelmäßiger Übung immer feiner. Genau diese Fähigkeit half mir während meiner Schulterverletzung. Vor allem beim Erforschen meiner Bewegungsgrenzen während der Mindful Moves konnte ich kleine Veränderungen wahrnehmen und erleben, dass sich in anderen, nicht von der Verletzung betroffenen Bereichen meines Körpers durchaus Wohlgefühl und Beweglichkeit zeigten, anstatt – wie das Kaninchen vor der Schlange – meine gesamte Aufmerksamkeit auf den Schmerz zu richten.

Meine Achtsamkeitspraxis hat mich davor bewahrt, bei der Schulterverletzung wieder wie beim ersten Mal zu denken: Das ist eine Katastrophe. Stattdessen konnte ich der Situation leichter und spielerischer begegnen, so unangenehm sie auch war – ohne dem Gedanken zum Opfer zu fallen: Jetzt geht gar nichts mehr.

Aus Erfahrung wird Kompetenz 

Diese intensive Selbsterfahrung bildet das Fundament jeder guten Achtsamkeitstrainer-Ausbildung. Erst wenn die Haltungen der Achtsamkeit verinnerlicht wurden, kommen sie auch in der eigenen Arbeit authentisch zum Ausdruck. So unterscheidet sich eine langjährige eigene Achtsamkeitspraxis vom bloßen Erlernen einzelner Methoden.

Deshalb leiten unsere Teilnehmenden im Laufe der Ausbildung immer wieder selbst formale Achtsamkeitsübungen an und erhalten anschließend ausführliches Feedback. In den Anleitungen wird erkennbar, ob das rechte Verständnis der Achtsamkeitspraxis bereits verinnerlicht wurde und in der eigenen Haltung zum Ausdruck kommt.

Einige Teilnehmende haben anfangs noch die Vorstellung, es gehe darum, andere in einen entspannten Zustand zu führen oder ihnen ein bestimmtes Erlebnis zu ermöglichen. Manchmal wird in der Anleitung zu wenig Raum für die eigene Erfahrung gelassen. Manchmal werden Formulierungen gewählt, die eher das analytische Denken als den unmittelbaren Kontakt mit der eigenen Erfahrung fördern. Manchmal fördert auch die Wortwahl unbewusst Leistungsdruck und Selbstoptimierung.

Solche Feinheiten zeigen, dass Achtsamkeit noch als Methode verstanden wird – und nicht als innere Haltung.

Was das für meine Arbeit mit Kunden bedeutet

Teilnehmende und Dozentin der Achtsamkeitstrainer-Ausbildung nach einer gemeinsamen Achtsamkeitsübung

Diese intensive Selbsterfahrung bildet das Fundament jeder guten Achtsamkeitstrainer-Ausbildung. Erst wenn die Haltungen der Achtsamkeit verinnerlicht wurden, kommen sie auch in der eigenen Arbeit authentisch zum Ausdruck. So unterscheidet sich eine langjährige eigene Achtsamkeitspraxis vom bloßen Erlernen einzelner Methoden.

Deshalb leiten unsere Teilnehmenden im Laufe der Ausbildung immer wieder selbst formale Achtsamkeitsübungen an und erhalten anschließend ausführliches Feedback. In den Anleitungen wird erkennbar, ob das rechte Verständnis der Achtsamkeitspraxis bereits verinnerlicht wurde und in der eigenen Haltung zum Ausdruck kommt.

Einige Teilnehmende haben anfangs noch die Vorstellung, es gehe darum, andere in einen entspannten Zustand zu führen oder ihnen ein bestimmtes Erlebnis zu ermöglichen. Manchmal wird in der Anleitung zu wenig Raum für die eigene Erfahrung gelassen. Manchmal werden Formulierungen gewählt, die eher das analytische Denken als den unmittelbaren Kontakt mit der eigenen Erfahrung fördern. Manchmal fördert auch die Wortwahl unbewusst Leistungsdruck und Selbstoptimierung.

Solche Feinheiten zeigen, dass Achtsamkeit noch als Methode verstanden wird – und nicht als innere Haltung.

Die Erfahrungen mit meiner Knieverletzung haben mich später auch in meiner Arbeit als Fitness- und Personaltrainerin begleitet. Immer wieder arbeitete ich mit Menschen, die – wie ich – einen Kreuzbandriss erlitten hatten. Die Gehmeditation wurde dabei zu einem festen Bestandteil meines Trainings.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Teilnehmerin einer Eventwoche, für die ich als Trainerin im Robinson Club gebucht war. Sie hatte ebenfalls einen Kreuzbandriss erlitten. Ich bot ihr an, gemeinsam Gehmeditation zu üben. Einige Zeit nach ihrem Urlaub erzählte sie mir, dass ihre Physiotherapeutin sie gefragt habe, was sie eigentlich gemacht habe. Sie gehe inzwischen deutlich besser.

Natürlich ersetzt Gehmeditation keine Physiotherapie. Sie kann jedoch dazu beitragen, Bewegungsabläufe wieder bewusster wahrzunehmen, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren, das in diesem Moment angemessene Tempo zu finden sowie Vertrauen in die Weisheit des eigenen Körpers zurückzugewinnen.

Rückblickend waren meine Verletzungen ein großes Geschenk. Sie haben mich gelehrt, meinem eigenen Körper mit Geduld, Freundlichkeit und Wohlwollen zu begegnen. Diese Erfahrungen haben wesentlich dazu beigetragen, andere Menschen authentisch und verantwortungsvoll in ihrer eigenen Achtsamkeitspraxis zu begleiten.

Das lernst du in einer Achtsamkeitstrainer-Ausbildung

  • Eine eigene, stabile Achtsamkeitspraxis zu entwickeln – formal auf dem Meditationskissen und informell im Alltag
  • Regelmäßige Reflexion der eigenen Praxis, schriftlich und im Austausch mit dem Dozententeam
  • Das rechte Verständnis von Achtsamkeit statt bloßer Methodenanwendung
  • Selbst anleiten üben und dazu persönliches, fachlich fundiertes Feedback erhalten

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Head Shot von Ingrid Berger, die mit wehenden Haar in die Kamera lächelt .Sie trägt ein pinkes Oberteil

Aloha ich bin Ingrid

Diplom-Biologin und Acht­sam­keits­lehr­erin. Ich leite die TARA Acht­sam­keits­trainer-Aus­bildung am DFME.

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